Lernwissenschaft

„Reines Bücherwissen bringt nichts!”

Wer praktisch lernt, erfährt Selbstwirksamkeit und findet später schneller Lösungen: Pädagoge Dr. Wolfgang Beutel erklärt, warum wir praktisch besser lernen.

Du weißt nicht, wohin mit deinem vielen Wissen? Setz es in die Praxis um! (Quelle: MUT ZUR PRAXIS)

Herr Dr. Beutel, Sie sind Pädagoge an der Universität Jena und beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema „Praktisches Lernen“. Bringt reines Lernen aus Büchern wirklich nichts?

„In der Schule werden wir dazu angehalten, aus Büchern zu lernen und das Gelernte in Klassenarbeiten oder Klausuren umzusetzen. Aber erst wenn man Fachinhalte mit Erfahrungen verknüpft, lernen wir sinnvoll. Also ja: nur reines Wissen aus Büchern bringt wenig!“

Das heißt, wir lernen praktisch viel mehr?

„Natürlich! Wer zum Beispiel kochen lernen will, kann das ja auch nicht nur, weil er ein paar Bücher liest. Selbstverständlich kann man dadurch etwas über den Hintergrund, die Zutaten und die Verwendung lernen – aber das alleine macht einen ja noch nicht zum Chefkoch. Dafür müssen Sie erst selbst zum Kochlöffel greifen und eigene Erfahrungen sammeln, in dieser Erfahrung eben praktisch lernen.”

Kein Denken ohne Erfahrung,
keine Erfahrung ohne Denken Wolfgang Beutel

Werde ich durch praktische Erfahrungen aber wirklich besser?

„Studenten, die in der Praxis tätig waren, orientieren sich danach im Studium besser. Sie finden zügiger und schneller Lösungen für die Herausforderungen ihres Studiums, da sie wissen, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen in der Realität haben. Das wissen auch die Unis. Nicht umsonst bieten viele Studiengänge ein Praxissemester oder zumindest die Möglichkeit für praktische Erfahrungen an. Diese sind auch zwingend notwendig, um das Gelernte neu zu sortieren und bewerten zu können.“

In unserem Gehirn verknüpft sich also das Wissen mit den Erfahrungen?

„Ich bin kein Neurologe, um das genau erklären zu können. Aber natürlich ist auch Erfahrungen machen eine Form von kognitivem Lernen. Das, was ich anfasse, was ich direkt tue, unterstützt uns beim Lernen. Und das wird mit dem theoretischen Wissen im Gehirn verknüpft. Kein Denken ohne Erfahrung und keine Erfahrung ohne Denken. Das eine geht ohne das andere nicht.“

Lassen Sie sich nicht von Misserfolgen entmutigen Wolfgang Beutel

Und woran merke ich, dass diese Verknüpfung eingesetzt hat?

„Das merkt man natürlich an den Erfolgen selbst. Etwas vollbracht zu haben, ist das höchste Siegel für  einen Lernenprozess – es ist die Selbstwirksamkeitserfahrung. Ich realisiere plötzlich, dass etwas geklappt hat, weil ich die Regeln angewandt habe, die ich gelernt habe. Aber auch Misserfolg hilft beim Verständnis. Wenn ich weiß, warum es nicht geklappt hat, bringt mir das auch etwas. Das ist wie in der Mathematik. Es bringt nichts nur zu wissen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich muss den Fehler auch erkennen, ihn nachvollziehen und daraus lernen können. So ist das in der Praxis auch. Also sollten Sie sich nicht entmutigen lassen, wenn etwas mal schief läuft. Der Weg zum Ziel ist das Entscheidende, nicht das Ziel selbst.“

Würden Sie Studenten also zu einem Praktikum raten?

„Auf jeden Fall. Ein gutes Studium ist immer auch erfahrungshaltig. Sollen sich die jungen Leute ruhig ausprobieren, herausfinden, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Nutzen Sie das gelernte Wissen, wenden Sie es in der Praxis an. Nur dann haben Sie Erfolge. Aber seien Sie dabei auch vorsichtig, wenn es etwa heisst: ,Vergesst alles, was ihr bisher gelernt habt’, dann ist das ebenso falsch. Praktisches Lernen und Theorielernen sind keine Gegensätze, sondern stehen zueinander in einem Ergänzungsverhältnis!”


von Elke Habekost

Ein Kommentar

  1. kirschkern

    Interessantes Interview!

Zurückschrei(b)en!