Praxis im Ausland

Das heimliche Praktikum

Die straffen Bachelor-Studienbedingungen zwingen Lena dazu, ihr Praktikum im Ausland zu verheimlichen. Die 22-Jährige lügt, um ihre Karrierechancen zu verbessern

In manchen Situationen ist es besser, sein Gesicht nicht zu zeigen (Quelle: flickr/ wolfgraebel)

Ihr Lachen klingt verhalten. „Ich habe keine Ahnung, was mir im schlimmsten Fall passieren könnte“, gesteht Lena*. Die 22-jährige Studentin dealt zwar weder mit Drogen, noch stiehlt sie Prüfungsunterlagen. Dennoch hat sie sich entschieden, ihre Uni zu belügen. Für ihr nächstes Semester hat sie sich an einer österreichischen Uni eingeschrieben, wird aber nie einen Fuß auf den Campus setzen. Stattdessen hat Lena bereits die Koffer für Übersee gepackt. In wenigen Tagen beginnt ihr heimliches Praktikum in den USA. Bei einem der größten Prüfungs- und Beratungsunternehmen weltweit wird sie 1200 Euro im Monat verdienen. Ein Gewinn für ihren Geldbeutel, aber vor allem für ihre Karriere. Die junge Frau ist sich sicher: „Dieses Praktikum wird der entscheidende Push für meine Zukunft sein!“

Immer mehr Studenten schummeln

Eine Kommilitonin gab Lena den Tipp, sich an einer Uni einzuschreiben, an der man keine Kurse besuchen muss. Dafür ist der Weg frei für ein Praktikum oder einen Studentenjob. Seit dem Bologna-Prozess verbreitet sich diese Schummel-Methode unter den Studenten rasant, weiß Lena. Dennoch lächelt sie unsicher, als sie auf die österreichische Immatrikulationsbescheinigung in ihrer Hand blickt. Das Stück Papier entscheidet über ihre Zukunft. 16 Euro hat sie dafür bezahlt.

Bachelor zwingt zum Turbo-Studium

Die 22-Jährige wählte extra einen internationalen Wirtschaftsstudiengang, bei dem zwei Semester im Ausland vorgeschrieben sind. Mit der Verkürzung der Regelstudienzeit von acht auf sechs Semester ist bei den Bachelor-Studenten jetzt jedoch der Stress ausgebrochen. Im Vorfeld ist nie klar, welche Kurse an der ausländischen Uni belegt werden können. Deswegen quetschen die meisten Hochschüler alle nötigen Kurse in die ersten vier Semester. So haben sie alle Scheine beisammen, wenn sie ins Ausland gehen. Der Aufenthalt in der Ferne ist damit leider häufig verschwendete Zeit. Auch Lena war bereits ein Semester an einer osteuropäischen Universität, belegte dort lediglich drei Kurse. Den Rest der Zeit saß sie ab. „Das zweite Auslandssemester nutze ich nun lieber, um meine Chancen auf einen guten Job nach dem Studium zu verbessern.“

*Zu ihrem Schutz wurde Lenas Name von der Redaktion geändert.


von Mareike Kosber

8 Kommentare

  1. Kleiner Hüpfer

    Respekt. Das ist wirklich mutig!

  2. Warum hat sich Lena nicht ein Urlaubssemester an ihrer eigentlichen Uni genommen? Oder einfach keine Kurse belegt (Dann fallen natürlich je nach Bundeland Studiengebühren in voller Höhe an). Der Bachelor soll zwar in 6 Semestern abgelegt werden, man darf aber auf bis zu 9 Semester ausdehnen.

  3. Mareike Kosber

    @emzo: Lena wollte weder ein weiteres Semester Studiengebühren zahlen, noch ein halbes Jahr Zeit verdaddeln… Deswegen hat sie das Problem, aus meiner Sicht, ziemlich clever gelöst =)

  4. Angelo Buck

    Ich finde, ein Auslandsaufenthalt ist nie verschwendete Zeit. Gerade wenn der Stundenplan an der Uni nicht so vollgestopft ist, hat man viel mehr Gelegenheit, Kultur, Land und Leute kennenzulernen und sich vielleicht sogar an eine neue Sprache heranzuwagen. Das ist vielleicht kein Gewinn an ECTS-Punkten, aber ein Gewinn an Erfahrung und für die Persönlichkeitsentwicklung ist es allemal wichtig!

  5. deh

    Die wenigsten Firmen drehen dir einen Strick wenn du das halbe Jahr Urlaubssemester sinnvoll mit einem Praktikum, idealerweise in der Branche oder sogar Firma, füllst. Die Studiengebühren sind natürlich ein Grund diesen Weg zu wählen. Aber mal ganz anders gefragt, wieso ist es denn verboten sich einzuschreiben und keine Kurse zu belegen?

  6. Mareike Kosber

    Die Firmen drehen natürlich niemandem einen Strick daraus – die sind ja froh über eine billige Arbeitskraft (Praktikant). In diesem Fall sollte das zweite Auslandssemster ausdrücklich dafür genutzt werden, Erfahrungen an einer ausländischen Uni zu sammeln – inklusive Kurse natürlich. Deswegen ist die ganze Situation für Lena heikel…

  7. Hallo Leute,

    ich mache auch grad neben meinem Bachelor in Mathemtik ein Praktikum im Online-Marketing. Das mache ich Vollzeit – das heißt, dass da wenig Zeit zum studieren drüberbleibt. Ich glaube aber, dass dieses Praktikum mich später weiter bringen kann als ein Bachelor. Gerade wenn man gute Refferenzen sammelt, fällt es einem leichter an einen Arbeitsplatz zu kommen.

  8. sophie

    irgendwie versteh ich auch nicht so richtig, was das Problem ist. An meiner Uni fallen keine Studiengebühren an, wenn man ein Urlaubssemester beantragt und ein Semester verliert man so oder so, da alle Veranstaltungen – und damit auch Prüfungen – nur jährlich angeboten werden. Aber diese Formalitäten sind ja wahrscheinlich an jeder Uni anders geregelt.
    Ich finde die Argumentation, dass man ein Semester “verdaddelt” oder der Auslandsaufenthalt verschwendete Zeit sei allerdings irritierend, das klingt in meinen Ohren recht leistungsorientiert und damit dem Konzept des Bachelors verwandt.
    Ich persönlich werde demnächst für zwei Semester ins Ausland gehen und habe bewusst nicht nur ein Semester gewählt. Zum einen aus den oben genannten Gründen, aber auch, weil man in einem Jahr so viel mehr kennenlernen kann als in nur einem Semester. Ich würde mich zwar freuen, wenn mein Studium sich dadurch nicht verlängern würde, aber als verlorene Zeit würde ich das sicher nicht bezeichnen. Das ist doch eher Mut zur Lebenspraxis, wenns schon so weit gekommen ist, dass man das extra hervorheben muss.

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