Arbeiten in Osteuropa

Hinter russischen Gardinen

Für sein Praktikum in Moskau musste Philipp viele Schikanen in Kauf nehmen. Dennoch bestärkte ihn ein Zusammenstoß mit der Polizei noch darin, später in Russland arbeiten zu wollen

Russisch für Anfänger: Zumindest mit der Kopfbedeckung lag Philipp Leinenkugel richtig (Quelle: Privat)

„Drei Tage Gefängnis!“ Philipp Leinenkugels Eingeweide ziehen sich zusammen. Bisher hatte er noch an einen bösen Scherz geglaubt. Schließlich war er ein harmloser Tourist. Doch der Blick des Milizen zeigt: Er scherzt nicht. Scheinbar zufällig hatte ihn der Polizist aus der Menge vor der Ewigen Flamme im Alexandergarten herausgegriffen, nach Pass, Visum und Einreiseformular gefragt. Ein Blick auf die Dokumente genügt, und Philipp muss dem Beamten auf eine nahe gelegene Polizeistation folgen. Dort versteht er nur noch „Papier“, „fehlt“ und „Gefängnis“.

Geld regiert die Welt

Eigentlich hatte sich der heute 25-Jährige seinen ersten Rundgang durch Moskau anders vorgestellt. Einmal auf dem roten Platz stehen, war schon immer sein Traum gewesen. „Diese völlig fremde Kultur fasziniert mich“, schwärmt der Student. Deswegen nutzte er die Chance und absolvierte drei Monate seines Praxissemesters in der russischen Hauptstadt.

Behördenwillkür

Als er sich am Deutschen Historischen Institut in Moskau bewarb, wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Seine Praktikumsstelle finanzierte Philipp den Flug, das Visum und stellte ihm ein Zimmer zur Verfügung. Durch den Behördendschungel musste er sich jedoch allein kämpfen: „Ich habe schon viel im Ausland gearbeitet, beispielsweise in Singapur. Aber nirgendwo war es so nervenaufreibend ein Visum zu bekommen, wie für Russland.“ Von den Kontaktdaten seines Vermieters, bis hin zur detailgetreuen Reiseroute musste alles im Original und in dreifacher Ausführung vorliegen. „Und dann lag das Zeug wochenlang auf dem Amt rum – die reinste Schikane!”

Herausforderung statt Alltag

In der Polizeistation: Der Beamte redet immer wütender auf Phillip ein. Der Student schwitzt. Da erinnert er sich an den Tipp eines Freundes: „Mit Geld geht in Russland alles!“ Philipp zieht 500 Rubel aus seiner Hosentasche und hält sie dem Polizisten hin. Dieser lächelt plötzlich breit. Aufatmen und raus hier. Zurück auf der Straße jagt immer noch Adrenalin durch Philipps Adern. Was für eine krasse Geschichte, denkt er sich. Aber genau solche Erlebnisse pushen ihn. „Die Zeit in Moskau hat mich darin bestätigt, dass ich nach dem Studium auf jeden Fall im Ausland, und am liebsten in Russland, arbeiten will. Hier in Deutschland ist alles so vorhersehbar und festgefahren. Ich liebe die Herausforderung – besonders wenn sie in so etwas besteht, wie Polizeibeamte zu bestechen.“


von Mareike Kosber

4 Kommentare

  1. caszziopeia

    Ganz schön aufregend, so ein Praktikum in Russland :o ) Mir gefällt besonders, dass er auch nach dieser Aktion gerne in Russland arbeiten möchte. Wirklich spannende Geschichte.

  2. sinès

    Hallo Phillip / Mareike,

    ich würde auch liebend gerne mein bevorstehendes Praxissemester in Moskau verbringen. Ich studiere Medieninformatik und suche schon die ganze Zeit nach nützlichen Informationen zum Praktikum in Russland. Es währe wirklich schön ein paar Tipps zu bekommen. Würde mich freuen wenn du dich bei mir evtl. melden könntest:

    info [at] sines-design . de

    mfg
    sergei

  3. Mareike Kosber

    Hallo Sergei,
    ich habe Phillip deine Email-Adresse weiter leiten. Er wird sich mit Sicherheit bei dir melden und du kannst ihn dann mit Fragen zu deinem Auslandspraktikum löchern.
    Viel Erfolg bei deinem Vorhaben!

  4. Caro

    Ich habe ähnliche Erfahrungen wie Philip in Moskau gesammelt.
    Doch genau diese verrückten Erinnerungen sind genau das, was mich immer wieder an diese spannende und unvergessliche Zeit in Moskau erinnern werden! Ich kann nur jedem raten, der mit dem Gedanken spielt ein Praktikum/Semester in Moskau zu absolvieren: Macht es!! Ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen und die Stadt hinterher mit ganz anderen Augen sehen!

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