Bologna-Prozess

Prüfungsmief statt Praxisluft

Schneller, internationaler, praxisnäher studieren –Ziele des Bologna-Prozesses. Doch nach zehn Jahren Bachelor und Master fühlen sich nur wenig Absolventen auf die Arbeitswelt vorbereitet.

Studieren, studieren, studieren: Im Bachelor bleibt kaum Zeit während des Studiums noch Praxiserfahrung zu sammeln (Quelle: flickr/sansreproache)

Im Mai diesen Jahres feierten die Bildungsminister der 46 Bologna-Staaten in Wien und Budapest ihre ehrgeizige Hochschulreform. Vor zehn Jahren unterschrieben die Regierungsvertreter aus damals noch 30 Ländern die Bologna-Erklärung. Schneller, internationaler und praxisnäher sollten die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge werden. „Die Hochschulen müssen für eine breite Wissensgrundlage sorgen, aber auch auf den Arbeitsmarkt vorbereiten,“ heißt es dazu in dem Dokument.

Doch fit für den Berufsalltag machen die wenigsten Bachelor-Abschlüsse. Die Regelstudienzeit von sechs Semestern erlaubt keine Ausflüge in die Arbeitswelt. Auf Grund dieses Zeitdrucks verzichten viele Universitäten ganz auf Praxisphasen. Und auch die Fachhochschulen haben die zwei Praxissemester der alten Diplomstudiengänge auf eins gekürzt.

Überladene, unflexible Lehrpläne

„Mit deutscher Gründlichkeit haben die zuständigen Professoren die neuen Studiengänge mit Fachwissen überfrachtet, ohne Freiräume für Praktika, Auslandsaufenthalte oder Jobben neben dem Studium vorzusehen,“ klagt Stefan Grob, Sprecher der Deutschen Studentenwerke (DSW). Das gehe völlig an der wirtschaftlichen und sozialen Realität der Studenten vorbei. Durchgetaktete Stundenpläne vom ersten bis zum sechsten Semester machen es den Studenten schwer, Praxiserfahrung und damit nötige Schlüsselqualifikationen in der Wirtschaft zu sammeln.

Das bereitet auch den Bachelor-Studenten Sorge. Die meisten fühlen sich nicht gut genug auf die Arbeitswelt vorbereitet. Laut der neuesten Studie der Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz, erstellt für das Bundesministerium für Bildung und Forschung, erwartet fast die Hälfte der Absolventen Schwierigkeiten bei der Stellensuche.

Mehr Zeit für Praxisphasen schaffen

Deswegen wünschen sich 43 Prozent der Studenten auch eine Verbesserung der Arbeitsmarktchancen und mehr Praxisbezug im Studium (34 Prozent). Zwei Drittel aller Studenten fordern von den Universitäten ein Pflichtpraktikum für jeden Studiengang und eine engere Kooperation zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft (56 Prozent). „Wichtig ist, dass man dann den Praxisphasen auch Zeit im Lehrplan einräumt,“ sagt Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Wissenschaft. „Mehr Freiräume von Anfang an,“ fordert auch Grob vom Deutschen Studentenwerk.

Nach den massiven Studentenprotesten im vergangenen Herbst bekundeten die Universitäten zumindest einen gewissen Reformwillen, was die Regelstudienzeit von sechs Semestern im Bachelor und die Anwesenheitspflicht in Vorlesungen angeht. So findet im Jahr elf nach Bologna zwar langsam ein Umdenken bei den Verantwortlichen an den Hochschulen statt, doch Studenten wird nach wie vor nichts anderes übrig bleiben, als die nötigen Schlüsselqualifikationen für den Arbeitsmarkt außerhalb der Universität zu erwerben – als Praktikant, Werkstudent oder studentische Hilfskraft – auch wenn dafür die institutionellen Hürden nach wie vor hoch sind.


von Stephanie Knoll

2 Kommentare

  1. pretty in pink

    Interessanter, fundierter Artikel – Daumen hoch!
    Ich wurde selbst Opfer des Bologna-Prozesses und war alles andere als glücklich damit. Viele wichtige Studienfächer sind ersatzlos gestrichen worden und fehlten mir hinterher im Job. Nur durch freiwillige Praktika konnte ich dieses Defizit wieder aufholen…

  2. Flo

    Wenn ich mein Studium so im Rückblick betrachte, möchte ich keine Vorlesung missen (OK, vielleicht “Statistik” und “Betriebliches Rechnungswesen”). Aber Dinge, die mir im Job geholfen haben, habe ich zu großen Teilen in den 4 Praktika gelernt, die ich vor und während des Studiums gemacht habe. Ich kann dem Artikel also nur beipflichten.

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